Architektur

Architekt des neuen Innenausbaus der Wohnung 244:
Özgür Keles (Selektiv Studio GmbH)

 

 

 

Architekt der “Dorfsiedlung am Dürrbach”: Albertus Magnus Caviezel
Architect of the housing estate “Dorfsiedlung am Dürrbach”: Albertus Magnus Caviezel

Gedanken des Architekten Caviezel zur Siedlung (ca. 1985)

Ich habe mich gefragt, warum heute die Flucht aus den städtischen Agglomerationen so zunimmt?

Der Grund dieser Flucht ist oft kaum bewusst, doch einer der Gründe ist sicherlich das Abstreifen der übertechnisierten, rationalisierten, städtischen Umwelt weg von der Reissbrettarchitektur, den anonymen, gleich gestalteten Wohnstätten, weg von Wohnräumen, die auf eine tödliche Art den heutigen Rationalismus wiederspiegeln. Soll ich dann als Architekt wiederum diesem Rationalismus im Entwurf verfallen, oder eine schicke, pseudoheile, heimelige Châletüberbauung planen, welche die, von der städtischen Kundschaft geforderte gesunde Welt scheinbar ersetzt?

Der Grundgedanke der vorliegenden Überbauung ist den zukünftigen Bewohner in einen organisch gewachsenen Bauraum einzugliedern. Die Häusergruppen sind, wie bei einem alten Dorfplatz, um einen gestalteten Hofraum plaziert. Der Bewohner kennt sein Haus nicht an einer anonymen Hausnummer, sondern vielleicht an einem besonderen Eingang, einer anders strukturierten Hausfassade als die der anderen Häuser, oder an einem besonders gestalteten Sgraffito, das erzählerisch die bewegte Architektur begleitet und unterstützt. Wie erklärt man einem Fremden im Dorf ein gesuchtes Haus? Indem man sagt: «Gehe gerade aus, bis zum Brunnen, rechts vom Brunnen steht ein rötliches Haus mit einem Erker.» Und wie erklären wir heute einem Städter im Aussenquartier ein gesuchtes Haus? Es gibt keine Erklärung, es gibt nur die Nummer. Gerade dieses Detail trennt. Ich möchte also wieder eine körperliche Bindung zu einem Wohnhaus fördern. Der Bewohner soll sagen können: «Dies ist mein Haus, mit gewissen Eigenheiten, die ich schätze und kenne.» Auch ein Gemeinschaftsgefühl zum Mitbewohner soll durch den Hofraum gefördert werden. Der verkehrsfreie Hofraum ist so gestaltet, dass er zum Verweilen und zum kleinen Schwatz auffordert. Dies wird durch den unterirdischen Verkehrs- und Parkraum ermöglicht. Alles einfache Dinge, die in der Stadt verloren gegangen sind.

Dies sind alles äusserliche Faktoren, die spielen so lange, bis der Bewohner in sein Reich eintritt und was geschieht dann? Er kommt in einen geraden Gang, in dem rechts und links Türen sind, in einen Raum, einen Käfig mit eingesetzten, seelenlos ausgeschnittenen Türen und Fenstern. Hört der Raum beim Fenster auf oder fliesst er weiter? Hier im Innenraum versuchte ich, die Baurationalität aufzubrechen, indem ich keinen Raum definitiv abschliesse oder ohne Bezug zu anderen Räumen oder der Aussenwelt setze. Die Fenster sind eine erste Schutzhaut des Raums, aber der Raum weitet sich aus und wird mit einer zweiten Abgrenzung, der Terrasse, geschlossen. Ich versuche, den Raum möglichst nie endgültig abzuschliessen, sondern erst in einer zweiten Abgrenzung zu fassen. So fühlt sich der Bewohner, auch wenn die Fensterfläche gross ist, geborgen, beide Seiten, die Ausweitung und die Abgrenzung, halten sich die Waage. Die Bau-Physiologie des Wohnraums ist mir ein wichtiges Anliegen. Jeder kennt die trockene Luft in überheizten Räumen mit der „Pfnüselatmosphäre“. Kaltabstrahlende, schlecht isolierende Wände, die trotz genügender Raumtemperatur ein ständiges Kältegefühl erzeugen, die elektrostatische Aufladung von Kunststoffmaterialien, wie synthetische Teppiche, Kunststoffbeläge, die nervöse Störungen erzeugen und ein nicht fassbares Unbehagen im Menschen hervorrufen. Dieses Unbehagen, das eine falsche Bauweise mit sich bringt, ersuche ich, durch neue, technische Wege, in einer gesunden, physiologischen Bauweise zu eliminieren. So sind die Aussenwände als hoch isolierte 50 cm dicke Speicherwände, mit eingelegten Heizregistern ausgebildet. Im Zusammenhang mit einer dampfdiffusionsdurchlässigen Innen- und Aussenhaut und echtem Sumpfkalkputz erreiche ich eine maximale Raumtemperatur mit einer ausgeglichenen Luftfeuchtigkeit. Die gewählten Baumaterialien, zur Hauptsache Mauerwerk, Holz und Glas, sind nicht als Dekor, sondern konstruktiv richtig eingesetzt und demzufolge nicht leere Stimmungsfaktoren, sondern echte. Wie weit die Mittelmässigkeit der architektonischen Gestaltung mit dieser Neuplanung gesprengt wird, dieses Urteil überlasse ich den zukünftigen Bewohnern. Die Bauherrschaft hat meine Ideen und Arbeiten ohne Einschränkung getragen und unterstützt und für dieses nicht selbstverständliche Vertrauen möchte ich danken.

Albertus Caviezel

Thoughts of the architect Albertus Caviezel  (abt. 1985)

I was wondering why the exodus from urban agglomerations is increasing today? The reason for this flight is often poorly understood, but one of the reasons is certainly the wish to escape the over-engineered, streamlined, urban environments away from the drawing board architecture, the anonymous homely dwellings, away from living spaces that in a deadly way reflect today’s rationalism. Should I then, as an architect, again fall for this rationalism of design, or plan a chic, pseudo-homely, chalet complex that again seems to reproduce the “healthy world” demanded by the urban clientele?

 The basic idea of ​​the present structure is to integrate the future resident into an organically grown space. The groups of houses are, as in an old village square, placed around a courtyard. The resident does not know his house by an anonymous house number, but perhaps by a special entrance, a differently structured house façade, or by a specially designed sgraffito, which narrates and supports the moving architecture. How do you explain a house you are looking for to a stranger in the village? By saying, “Go straight down to the well, to the right of the fountain is a reddish house with a bay window.” And how do we explain that today to a person in the outskirts? There is no explanation, there is only the number of the house. Just this detail distinguishes one house from the other. That’s why I want to promote a physical bond to a house again. The resident should be able to say: “This is my house, with certain idiosyncrasies that I value and know.” A sense of relationship to the neighbours is also to be promoted through the courtyard. The traffic-free courtyard is designed so that it invites you to linger and chat. This is made possible by having the parking space underground. These are all simple things that have been lost in the city.

 These are all external factors that play a role until the inhabitant enters his kingdom – but what happens then? He enters a straight corridor with doors to the right and left, up to a room, a cage with inserted, soullessly cut out doors and windows. Does the room stop at the window or does it continue to flow?

Here in the interior, I try to break up building rationality by not definitively closing any space or without reference to other spaces or the outside world. The windows are a first protective skin of the room, but the room expands and is closed with a second demarcation, the terrace. I try to finalize the room as seldomly as possible, but to capture it in a second demarcation. So even if the window area is large, the occupant feels secure, both sides, the extension and the demarcation, keep the balance.

Also the physiology of the construction of the space is very important to me. Everyone knows the dry air in overheated rooms with the “Pfnüselatmosphäre” (an atmosphere which makes you sneeze). Poorly insulating walls, which produce a constant feeling of cold despite sufficient room temperature. Electrostatic charged plastic materials, like synthetic carpets, plastic coverings cause nervous disturbances and an unimaginable discomfort for the inhabitants. This discomfort is produced by false construction. I try to eliminate that by new technical ways, in a healthy, physiological construction. The outer walls are highly insulated 50 cm thick storage walls, with inserted heating registers, in connection with a vapor permeable inner and outer skin and real “Sumpfkalkputz” (a plaster of pit lime). Through this I reach a maximum room temperature with a balanced humidity. The chosen building materials, mainly masonry, wood and glass, are not used as décor, but constructively correct and therefore not empty mood factors, but real.

How far the mediocrity of the current architectonic design is broken up by this kind of planning, this judgment I leave to the future inhabitants. The building owner has supported my ideas and work without restriction and I would like to thank for this confidence in me, which is not self-evident.

 

Albertus Caviezel